|
[ Reiseberichte ]
[
nächste Seite ]

Marco Polo Reiseführer Kopenhagen
DuMont direkt Kopenhagen
Rathaus
Schloss Rosenborg
Herbstlandschaft
Kleine Meerjungfrau
Gefionbrunnen
Nyhavn
Marmorkirche
Schloss Amalienborg
Wachablösung
|
 |
Kopenhagen im Herbst
Text und Fotos: Horst Wehrse
Am letzten Sonntag im Oktober 2005 besteige ich den Zug
und fahre gemütlich von Bremen nach Hamburg. Nach nur kurzer Wartezeit
werden hier schon die beiden Wagen des EC 33 vorgefahren und weiter geht es
in Richtung Skandinavien. Im Bahnhof Lübeck steigen drei deutsche Zollbeamte
zu uns ins Abteil und kontrollieren das Gepäck der ausländischen
Mitreisenden überaus gründlich, aber sie finden nichts.
Dann beginnt der vielleicht interessanteste Teil der Hinreise, nämlich die
Fahrt auf der Fähre von Puttgarden nach Rødby. Etwa 45 Minuten sind wir auf
dem Wasser, die Anreise insgesamt dauert knapp sechs Stunden und am frühen
Nachmittag checke ich im Hotel "Savoy", zentral in der Vesterbrogade in der
Nähe des Hauptbahnhofs gelegen, ein. Eine Reservierung hatte ich vor einigen
Wochen im Internet vorgenommen.
Bei herrlichstem Herbstwetter beginne ich meinen Stadtspaziergang. Da dies
mein vierter Besuch der dänischen Hauptstadt ist, kann ich mich ganz gut
orientieren und brauche nicht immer auf den Plan zu sehen. Auf der Fähre
hatte ich bereits getauscht, der Kurs in der Stadt ist allerdings günstiger,
hier hätte ich für einen Euro rund 7,5 Kronen erhalten.
Das Schloss Rosenborg ist mein erster Besichtigungspunkt. Es strahlt im
warmen Licht der Nachmittagssonne und der Anblick der Ziegel und des hellen
Sandsteins ist phantastisch. Auch der Spaziergang durch den Schlosspark
macht ungeheuren Spaß und es ist eine Freude, durch das raschelnde Laub zu
wandern.
Weiter geht es zum Kastell, dem früheren Gefängnis. Heute nutzt die Armee
die Räume als Kaserne. Und dann bin ich auch schon an dem Wahrzeichen der
Stadt angelangt, der Kleinen Meerjungfrau. Den Lille Havfrue, bekannt aus
dem Märchen von Hans Christian Andersen, blickt nach wie vor versonnen über
das Meer und ist wohl das beliebteste Fotoobjekt des Landes. Nur mit Mühe
gelingt es mir, ein Bild ohne Touristen, die in allen möglichen und
unmöglichen Posen davor stehen, aufzunehmen. Und wenn ich denke, dass der
Menschenstrom abebbt, hält schon der nächste Bus und entlässt seine Gäste
für ein Erinnerungsfoto.
Ganz in der Nähe, neben der St. Albans Kirche, befindet sich der
Gefionbrunnen. Er hat mich eigentlich bei allen Besuchen mehr interessiert
und mir besser gefallen als die Meerjungfrau. Heute allerdings ist das Wasser
abgestellt und somit die Wirkung, die der Brunnen immer auf mich ausgeübt
hat, reduziert.
Abends halte ich mich in der Gegend des Hotels auf. Es hat sich vieles
geändert, das frühere Rotlicht-Viertel hat sich zum Szene-Treffpunkt
gemausert. Viele Bars und Restaurants warten auf Kundschaft, dänische,
türkische, spanische, irische, arabische und japanische Bistros stehen dem
Gast u. a. zur Verfügung und so habe ich die Qual der Wahl und muss mich
zwischen Döner, Sushi, Tapas, Smørrebrød oder anderer einheimischer Kost
entscheiden. Die Preise haben es in sich, sie sind vereinzelt in Euro
ausgezeichnet. Kopenhagen gilt als eine der teuersten Städte Europas.
Am nächsten Morgen zeigt sich die Sonne wieder von ihrer besten Seite und
beschwingt mache ich mich auf den Weg. Beim Rathausplatz kaufe ich an einer
der zahlreichen mobilen Imbissbuden einen Hot Dog mit Pølser, dem berühmten
dänischen Würstchen.
Der benachbarte Vergnügungspark Tivoli ist leider bis Mitte November
geschlossen und wird für Weihnachten hergerichtet, es stört mich aber nicht
sonderlich, denn ich hatte ihn schon einige Male besucht.
So gehe ich dann vom Rathaus durch die Strøget, der ersten und längsten
Fußgängerzone Europas, zum Kongens Nytorv, dem Verkehrsknotenpunkt der
Stadt. In der Mitte des Platzes befindet sich ein Reiterstandbild mit König
Christian V., an der Seite das Königliche Theater und das ehrwürdige und
noble Hotel "Angleterre".
Nun geht es weiter zum Nyhavn. Aus der früheren sündigen Meile ist eine
interessante Gastronomieszene geworden und ich bleibe geraume Zeit hier und
verzehre meine Frokost, wie der Däne sein Mittagessen nennt, unter freiem
Himmel. Die auf verschiedene Weise angerichteten Heringe schmecken
außerordentlich gut und verlangen nach einem gezapften Carlsberg- oder
Tuborg-Bier. In einigen der mit schönen Fassaden versehenen Häuser am Neuen
Hafen wohnte der schon genannte Dichter H. C. Andersen.
Pünktlich zur Wachablösung bin ich am Schloss Amalienborg. In einem der vier
Paläste residiert die Königin, in einem anderen der Kronprinz. Im Palais
Moltke wird repräsentiert.
Die Wachmannschaft mit ihren Bärenfellmützen ist bestimmt froh, mal für eine
Weile Pause zu haben und nicht von Touristen angestarrt und fotografiert zu
werden. Leider geht die Ablösung ohne Musik über die Bühne, ich hatte mich
schon so auf die Kapelle gefreut.
Vom Schlossplatz hat man einen guten Blick auf die Neue Oper. Sie wurde
Anfang 2005 eröffnet und ist mit ihrem Tragflächendach weithin sichtbar.
Auf der gegenüberliegenden Seite erhebt sich die Marmorkirche, die
allerdings, weil es die Staatsfinanzen nicht mehr hergaben, aus Sandstein
gebaut wurde. Mir hat sie trotzdem gefallen.
Als nächstes steht die Vor Frelsers Kirke, die Erlöserkirche, auf meinem
Tagesprogramm. Auf dem Weg dahin komme ich an der Börse vorbei, unschwer an
ihrem Turm zu erkennen, der aus vier Drachenschwänzen besteht. Das Gebäude
ist heute Sitz der Handelskammer.
Auch bei besagter Kirche ist der Turm die Attraktion. Er ist weithin
sichtbar und schon lange bevor ich Christianshavn über eine Brücke erreiche,
kann ich mir ein kleines Bild machen. Eine Treppe mit 150 Stufen windet sich
an der Außenseite um seine Spitze und natürlich steige ich die 90 m hinauf
und genieße den weiten Blick über Kopenhagen.
Sehenswert sind auch der Altar mit seinen Marmorsäulen und die von zwei
Elefanten gestützte Orgel.
Am Schloss Christansborg beende ich im letzten Licht der Abendsonne meinen
Tagesspaziergang. Früher war es Sitz der Könige, heute beherbergt es das
Folketing, das dänische Parlament. Staatsgäste werden hier von der Königin
empfangen.
Tags darauf hat sich das angenehme Herbstwetter leider verabschiedet, es ist
kühl, trübe und manchmal regnet es. Aber es gibt ja nun mal kein schlechtes
Wetter, sondern nur schlechte Bekleidung und einen Schirm hatte ich
vorsichtshalber mit eingepackt.
Jetzt lasse ich es langsamer und gemütlicher angehen, halte mich längere
Zeit in verschiedenen Cafés auf und esse hier und da eine Kleinigkeit. Ein
idealer Tag, um das Museum Erotica zu besichtigen. Laut Eigenwerbung handelt
es sich um die eleganteste Ausstellung dieser Art auf der ganzen Welt. Auf
über 1.000 Quadratmetern werden Exponate von der Antike bis zur Gegenwart
gezeigt, Filme vorgeführt und nachgebaute Schlafzimmer- und Liebesszenen
dargestellt.
In der Nähe des Kongens Nytorv steige ich in eine Metrostation, habe aber
leider Probleme mit dem Fahrkartenautomaten und verzichte auf eine
Probefahrt. Doch es ist trotzdem interessant, Europas neueste und modernste
U-Bahn, die zudem noch automatisch und ohne Fahrer betrieben wird, zu
besichtigen. Die Station ist hell und sauber, überhaupt nicht zu vergleichen
mit den schmuddeligen und ungemütlichen Stationen anderer Metropolen.
Kopenhagen ist die größte Stadt Skandinaviens, sie hat einschließlich der
Vororte rund 1,7 Mio. Einwohner. Beliebtes Stadtfahrzeug ist das Fahrrad, an
diesen Tagen habe ich auch viele Touristen gesehen, die mit einem Mietrad
unterwegs sind. Beeindruckt bin ich von den dreirädrigen Christianabikes,
entwickelt von den Aussteigern des Freistaates Christiania. Vor dem Lenker
wird eine Kiste montiert und schon ist das Transportfahrzeug fertig, es
eignet sich auch ideal als Kinderwagen.
An einigen Fußgängerampeln im Zentrum wird im Sekundentakt angezeigt, wann
auf rot oder grün umgeschaltet wird.
Internetcafés sind mir in dieser Zeit eigentlich gar nicht aufgefallen, aber
das muss nichts heißen, ich war nicht darauf angewiesen und habe sie nicht
gesucht oder mich danach erkundigt.
Die Verständigung mit den Dänen ist hervorragend, alle Menschen, mit denen
ich spreche, sind der englischen Sprache mächtig.
Am letzten Abend esse ich im "Domhuskælderen" am Nytorf und gehe
anschließend ein paar Schritte weiter zum "Huset" in der Radhusstræde. Die
nächsten Stunden lasse ich es mir hier im Jazzclub bei angenehmer Livemusik
gut gehen.
Auf der Heimfahrt erhasche ich einen Blick auf die 16 km lange Brücke über
den Øresund, die Kopenhagen neuerdings mit dem schwedischen Malmö verbindet.
Hätte ich noch einen Tag mehr zur Verfügung, würde ich vielleicht
hinüberfahren.
[
nächste Seite ]
|