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Weißrußland entdecken: Natur und Kultur von Brest bis zum Dnepr von Evelyn Scheer (Autor)
Theater
Obelisk
im Park
Blick auf Sportpalast und Eislaufhalle
Kapelle zum Gedenken an die Opfer von Kriegen
Heilig-Geist-Kirche
Präsidentenpalast
Zentraler Platz mit Palast der Republik und Museum

Weihnachtsmarkt in Minsk
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Minsk und St. Petersburg
in der Vorweihnachtszeit
Text und Fotos: Horst Wehrse
Um 4.00 Uhr morgens klingelt der Wecker. Im Wetterbericht
wurden Schneeregen und Straßenglätte vorhergesagt, aber die Autobahn nach
Hamburg ist frei und gut befahrbar und ich habe überhaupt keine Probleme,
rechtzeitig am Flughafen anzukommen.
Der Flug nach Warschau dauert 80 Minuten, nur jeder dritte Platz ist, warum
auch immer, belegt. Hat es in Deutschland noch geregnet, so empfängt mich
die polnische Hauptstadt in hellem Sonnenschein. Nach kurzer Pause geht es
weiter und knapp eine Stunde später lande ich in der weißrussischen
Metropole.
Minsk
Auch in Minsk strahlt die Sonne vom Himmel, die Temperaturen bewegen sich
kurz unter dem Nullpunkt. Wegen der Zeitumstellung ist es hier schon eine
Stunde später. Die Formalitäten wie Einladung, Visum und Hotelbuchung wurden
von Sicher-Reisen, München, in gewohnter Qualität erledigt. Als
Orientierungshilfe dient mir "Weißrussland entdecken" aus dem Trescher-Verlag, denn einen aktuellen Reiseführer nur über die Stadt habe
ich nicht gefunden.
Bei der Einreise gibt es keine Probleme, sie geht relativ zügig vonstatten
und bereits ein paar Minuten später tausche ich an einem Bankschalter. Für
50 Euro erhalte ich 143.000 weißrussische Rubel (BRB). Angeblich fährt ein
Bus im Stundentakt vom Flughafen in die Innenstadt, aber wen ich auch frage,
niemand versteht mich oder will mich verstehen. Ein Taxifahrer reicht mir
sein Handy und mit der Frau am anderen Ende handele ich auf Englisch den
Preis von 50 auf 30 Euro herunter. Ich denke, die Gebühr ist o.k.,
schließlich beträgt die Entfernung bis zum Hotel rund 40 Kilometer.
Die Fahrt gefällt mir. Auf breiten Straßen geht es an großen Wäldern vorbei,
Heldendenkmäler stehen weithin sichtbar auf einem kleinen Hügel. Am
Stadteingang sticht die futuristisch anmutende Bibliothek ins Auge.
Das "Yubileynaya" liegt zentral am Masherova Prospekt. Ich belege ein Zimmer
im 5. Stock und habe eine wunderbare Sicht auf die angrenzende Parkanlage,
den Obelisken und den Fluss Svislac oder Swisslotsch. An der Rezeption höre
ich, dass noch keine Zugfahrkarte für die Weiterfahrt hinterlegt wurde, aber
sie würden sich darum kümmern.
Im letzten Licht der Nachmittagssonne beginne ich die Stadterkundung. Viele
Menschen sind auf den breiten Bürgersteigen unterwegs, die jungen Frauen in
den bis über die Knie reichenden hochhackigen Stiefeln mit Pfennigabsatz
sind mir nachhaltig in Erinnerung. Kinos, Cafés, kleine Geschäfte,
Spielcasinos und Bürohäuser bestimmen die eine Seite des Prospekts,
gegenüber befinden sich der Sportpalast und eine große Eislaufbahn.
Gleich hinter der Metrostation "Njamiha" erhebt sich die Heilig-Geist-Kirche
auf einer kleinen Anhöhe, einige Gläubige beten im schönen Innenraum.
Weitere Kirchen bzw. Kathedralen befinden sich in unmittelbarer
Nachbarschaft. Der "Zentrale Platz" wird mit einem hohen Tannenbaum
geschmückt. Im Mittelpunkt steht der klotzige Palast der Republik, daneben
das Theater und das Museum des Großen Vaterländischen Krieges. An die andere
Straßenseite kommt man am besten durch den Fußgängertunnel, in dem sich u.
a. eine Theaterkasse befindet, aber auch Stände mit Blumen, Zeitschriften
und CDs sind hier anzutreffen. Musiker bitten um eine kleine Spende,
manchmal auch Bettler.
Zum Abendessen besuche ich ein Restaurant im Stadtteil Traeckaer Vorort oder
Troizker Vorstadt auf der anderen Flussseite. Viele Gebäude wurden nach dem
Krieg wieder originalgetreu aufgebaut. Das Lokal ist gut besucht und ein
künstlicher Weihnachtsbaum vermittelt vorweihnachtliche Atmosphäre. In der
1. Etage findet eine Hochzeitsfeier statt. Ich esse Geflügel und trinke
einheimisches Bier dazu, es schmeckt ganz gut.
Anschließend schlendere ich durch die Gegend, sehe mir die Kapelle zum
Gedenken an die Opfer von Kriegen und später die Künstler auf der offenen,
nur von einem Dachgerüst bedeckten, Eissporthalle an. Ein riesiges Gedränge
herrscht sowohl auf dem Eis als auch vor dem Kassenhäuschen. Andere
Jugendliche stehen am Fluss und mixen sich ihr Freitagabend-Getränk.
Die Empfangsfrau im Hotel berichtet mir stolz und freudestrahlend, dass
mittlerweile auch das Zugticket abgegeben wurde, toller Service. Auf dem Weg
in die Bar kommen mir Natascha und Christina entgegen. Sie sind "nachtaktiv"
und unterbreiten entsprechende Angebote. Nachdem sie merken, dass ihr Werben
bei mir keinen Erfolg verspricht, fragen Sie, ob ich denn wenigstens 10 Euro
für eine Flasche Sekt übrig hätte. Gesagt, getan, und so unterhalten wir uns
in den nächsten Stunden angeregt und ich erfahre viele Details über das
Leben in Weißrussland. Sie sprechen leidlich Englisch und Christina sogar
etwas Deutsch, können sich aber gar nicht vorstellen, dass ich das Land als
Tourist und nicht aus beruflichen Gründen besuche.
Minsk liegt am Zusammenfluss der Flüsse Svislac und Njamiha, auch Nemiga
genannt. Die Hauptstadt von Belarus zählt knapp 1,8 Mio. Einwohner und ist
das wirtschaftliche, kulturelle, politische und wissenschaftliche Zentrum
des Landes. Große Plätze und breite Straßen beherrschen das Stadtbild. Im 2.
Weltkrieg wurde Minsk fast total zerstört.
Am nächsten Morgen zeigt das Thermometer wieder einige Minusgrade an, aber
herrlicher Sonnenschein lässt die Stadt erneut in einem ganz bestimmten
Licht erstrahlen. Ich marschiere durch die weitläufigen Parkanlagen, sehe
mir den Obelisken an, statte dem Traeckaer Vorort noch einen Besuch ab und
bewundere die Eistänzer. Am Zentralen Platz trinke ich einen Kaffee in einem
der zahlreichen Lokale, McDonalds lasse ich links liegen.
Soldaten bewachen den mächtigen Präsidentenpalast, ein sowjetischer Panzer
das Haus der Offiziere. Ein kleiner Park bildet einen guten Kontrast zu
diesen trutzigen Bauten. Auf dem Weg zurück zum Hotel besuche ich noch den
Wochen- bzw. Weihnachtsmarkt am Flussufer.
Ein Taxi bringt mich zum Bahnhof. Die nur mit kyrillischen Buchstaben
geschriebenen Angaben auf der riesigen Fahrplantafel verwirren mich etwas
und ich frage einen jungen Milizsoldaten. Er schaut auf meine Fahrkarte und
geleitet mich dann zur richtigen Plattform. Später verstehe ich das System
und hätte den passenden Ausgang eigentlich selber finden müssen. Der Zug aus
Brest fährt pünktlich ein und nun kann ich meinen Wagen nicht finden. Wieder
ist mir ein freundlicher Mann in Uniform behilflich und glücklich lasse ich
mich auf meinem reservierten Sitz nieder. Meine Abteilnachbarin
verabschiedet sich tränenreich von ihren Eltern.
Da nur Nachtzüge zwischen Minsk und St. Petersburg verkehren, wollte ich
ursprünglich ein Flugzeug für diese Strecke nehmen. Der Direktflug wurde
aber von Belavia kurzfristig storniert und mir stattdessen eine Verbindung
über Moskau angeboten. Später erfahre ich, dass ein Aufpreis von knapp 100
Euro erhoben werden soll und beschließe dann, doch mit der Eisenbahn zu
fahren. Wichtig ist nur, dass ich eine Verbindung wähle, die nach 0.00 Uhr
die Grenze erreicht, da mein Russland-Visum vorher noch nicht gültig ist.
Die Wagen dieses Zuges sind alter sowjetischer Bauart und wurden mir nicht
unbedingt empfohlen, aber ich habe diese Fahrt nicht eine Sekunde bereut, im
Gegenteil, es folgen Stunden, an die ich noch oft und lange zurückdenken
werde.
Unser Abteil besteht aus vier Liegen, wird aber nur von Larissa und mir
belegt. Meine Mitreisende spricht etwas Englisch und wir unterhalten uns den
ganzen Abend prächtig. Sie arbeitet an einer Schule in St. Petersburg und
besucht ihre Eltern in Minsk zweimal im Jahr. Zum Abendbrot schenkt sie mir
einen Apfel aus ihres Vaters Garten. Eigentlich wollte ich den Abend im
Speisewagen verbringen, aber jetzt ist kein Gedanke mehr daran. Die
Zugbegleiterin erfreut uns mit einer Tasse Tee.
Larissa erzählt mir viele Dinge über das Leben in Minsk, sie spricht die
wirtschaftlichen Probleme des Landes und auch die Verarmung der Mehrheit der
weißrussischen Bürger an. Auch erfahre ich von ihr, dass demnächst in
Weißrussland wieder zwei Weihnachtsfeste vor der Tür stehen. Die Christen
und Orthodoxen feiern an unterschiedlichen Terminen.
Aber natürlich verstärkt sie auch mit Informationen über St. Petersburg
meine Vorfreude. Ich kann gar nicht glauben, dass der Zug die Grenze nach
Russland ohne Kontrolle passiert und dass wir bei der Einreise nicht geweckt
werden.
Am nächsten Morgen schaue ich aus dem Fenster und könnte jubeln, Russland
liegt unter einer dicken Schneedecke, weiße Pracht, soweit das Auge sehen
kann. Nach knapp 14 Stunden fährt der Zug in den Vitebsker Bahnhof ein, wir
sind am Ziel.
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