Von Lima nach Rio
einmal quer durch den Kontinent
Text und Fotos: Horst Wehrse
Olá, jetzt ist es endlich soweit, nach
langer Vorbereitung, umfangreichem Studium der Reiseführer und großer
Vorfreude ist der ersehnte Abreisetag gekommen.
Es ist Samstagabend, der 29.12.1990, nach
einigen Abschiedsdrinks im "Windlicht" fährt mein Bruder Jürgen mich von
Minden nach Amsterdam Schiphol. Ich habe noch viel Zeit und lerne den
ansonsten hektischen Flughafen von einer ganz anderen Seite kennen, es ist
quasi nichts los, die Counter und Läden oder Winkels, wie man auf
niederländisch sagt, sind noch geschlossen, es herrscht gähnende Leere auf
allen Fluren und in allen Hallen.
Irgendwann fliegen wir nach London, dort
hebt die Boeing 767 der Canadian Air kurz nach Mittag ab gen Toronto, der
Flug dauert knapp neun Stunden. In Kanada regnet es.
Wir müssen das Gepäck aufnehmen und neu einchecken.
4 ¾ Stunden dauert der Weiterflug bis
Mexiko-City, beim Warten auf den Anschlussflug nach Lima spreche ich mit
einem Deutschen, der in Toronto zugestiegen ist, dort wohnt und mit einer
Peruanerin verlobt ist.
Endlich geht es weiter, zu meiner großen
Überraschung wird mir ein Platz in der ersten Klasse zugewiesen, fünf
Stunden später landen wir, endlich, in Lima. Die reine Flugzeit betrug über
19 Stunden, seit der Abfahrt in Minden sind 1 ½ Tage vergangen.
Peru
Schlaftrunken steige ich aus, dann gleich
der erste große Schock: mein Rucksack ist nicht da und das nächste Flugzeug
aus Toronto kommt erst in einigen Tagen.
Übermüdet, niedergeschlagen und frustriert
erledige ich die Formalitäten. Und dann auch schon die nächste Enttäuschung:
Ein Reiseveranstalter wendet sich an mich und bietet mir seine Dienste an.
Von ihm erfahre ich, dass der Zugverkehr zwischen Lima und Huancayo aus
politischen Gründen eingestellt wurde. Die Fahrt durch die Anden mit der
höchsten Eisenbahn der Welt sollte einer meiner Reisehöhepunkte werden.
Im Flughafen erwerbe ich spezielle
Telefoncoins und rufe zu Hause an.
Der Veranstalter empfiehlt mir ein Zimmer im
zentralgelegenen Hotel "San Martin", mit einem colectivo, einem Sammeltaxi,
fahren wir in die Innenstadt. Der Chevy hatte schon bessere Zeiten erlebt,
kaputte Sitze, keine Scheibenwischer, die Zündung muss kurzgeschlossen
werden. Wir kommen an vielen Slums vorbei, der erste Eindruck von Lima ist
eher bedrückend, wenn nicht sogar niederschmetternd.
Beim Spaziergang zur Plaza de Armas staune
ich über die vielen, vielen Menschen. Auf den Bürgersteigen findet ein
lebhafter Handel statt und ich decke mich erst mal mit Toilettenartikeln und
Unterwäsche ein. Einmal habe ich das Gefühl, einen Taschendieb zu sehen,
vielleicht ist das aber auch nur Einbildung.
Der Geldtausch findet ebenfalls auf offener
Strasse statt, für 20 USD erhalte ich 11.200.000 Intis, die Scheine
verbreiten einen üblen Geruch, Münzen sind nicht im Umlauf.
Man rät mir, das Geld in die Hemdtasche zu
stecken. Nicht nur Bargeld, auch Reiseschecks werden draußen getauscht.
Stillende Mütter sitzen am Straßenrand,
viele Bettler prägen das Stadtbild.
Der Präsidentenpalast wird stark bewacht und
ist nur aus größerer Entfernung zu betrachten, Polizisten pfeifen mich bei
dem Versuch näher an das Gebäude zu gehen zurück.
Es ist Silvester, kurz vor 23.oo Uhr gehe
ich aus dem Hotel, der Portier rät zur Vorsicht: no amigos. Nach einiger
Zeit verlasse ich die Plaza St. Martin und gehe ins Lokal. Um Mitternacht
wünschen wir uns gegenseitig ein frohes neues Jahr und es werden einige
Knaller gezündet.
Am Neujahrstag fahre ich mit dem Taxi nach
Miraflores, einem Vorort von Lima direkt am Pazifik. Den Fahrpreis kann ich
auf 2 Mio. Intis herunterhandeln. Viele Leute baden im Ozean, es ist etwas
bewölkt, das Thermometer zeigt gegen 11.oo h schon 26 Grad an. Ein
unangenehmer Geruch liegt permanent in der Luft.
Abends ist nicht viel los, die meisten
Restaurants haben, wie in Deutschland auch, an diesem Feiertag geschlossen.
In einem Reisebüro erfahre ich, dass die
besagte Zugfahrt nicht aus politischen Gründen sondern wegen starken Regens
in den letzten Wochen ausfällt, angeblich ist eine Brücke von den
Wassermassen zerstört worden. Ein Mitarbeiter vom staatlichen Reisebüro
FOPTUR meint, dass die Andenbahn am Samstag und Montag sehr wohl abfährt.
Was stimmt denn nun?!
Am Sonnabend, so heißt es im Flughafen,
kommt endlich auch mein Rucksack an, eine ganze Woche ohne eigene Sachen. Es
fehlt ja nicht nur Kleidung, nein, auch Bücher und Filme sind im großen
Gepäck und ich zwinge mich, das einzige verfügbare Buch ganz langsam zu
lesen.
Immer wieder erstaunt mich der Zustand der
Taxen, sie sind durchweg alt, baufällig, verfallen und reparaturbedürftig,
bis auf die Fahrzeuge vor den Prachthotels Crillon und Bolivar. Hier warten
geputzte und glänzende schwarze Limousinen auf betuchte Fahrgäste.
Victor, der Reiseagent, vermittelt mir ein
Busticket nach Nazca und will sich in der Zwischenzeit noch einmal um die
Fahrt nach Huancayo kümmern.
Nachmittags wird mir schlecht, Montezuma
rächt sich an mir. Es kommt vorn und hinten raus und ich greife nach den
Durchfalltabletten. Glücklicherweise steht ein Kühlschrank mit Getränken im
Zimmer, ich habe riesigen Durst und peinigende Schmerzen, an essen ist nicht
zu denken.
Ist mir das gestrige Abendessen, Eier mit
Schinken, nicht bekommen? Ist der Pisco sour schuld, immerhin wurde er mit
Eiswürfeln gemixt? Die Antwort steht immer noch aus.
Nach und nach stellt sich eine kleine
Linderung ein, an die morgige Busfahrt nach Nazca mag ich gar nicht denken.
Es wird eine lange Nacht und ich schlafe schlecht und unruhig.
Am nächsten Morgen werde ich von Victor
abgeholt, er bringt mich zum Busbahnhof, wo schon allerhand los ist. Im
Terminal warten bereits an die 40 Leute, laute Musik dringt aus den
Lautsprechern.
Kurz nach 6.oo h setzt sich der Bus in
Bewegung, bis zum Stadtausgang hält er etliche Male an, um noch neue
Reisende aufzunehmen. Die Fahrt dauert acht Stunden, trotz meines
gesundheitlichen Zustandes genieße ich sie sehr. Die Sicht ist prächtig, hat
man mir doch ganz vorn den Platz Nr. 1 direkt hinter dem Fahrer zugewiesen.
Es erstaunt mich zu sehen, was die Mitreisenden alles mit sich führen:
Elektrogeräte, Bekleidungstücke aller Art, Obst, Gemüse, Kleinmöbel etc.
Wir fahren auf der Panamericana, geradeaus
so weit das Auge reicht, neben der Strasse nur Sand und Wüste, häufig ist
der Pazifik zu sehen. Die Strasse ist teils vier-, teils zweispurig.
Es sind zumeist LKW und Busse unterwegs, PKW
sieht man selten. Ab und zu wird die Öde durch eine Art Oase aufgelockert,
ich meine, dass hier Zitronen, Mangos, Bananen angebaut werden, ab und zu
sehe ich ein Baumwollfeld. Die Dörfer bestehen aus Lehmhütten, oben teils
offen, häufig kein Fensterglas. Es gibt sowohl kleinere Landwirtschaften als
auch landwirtschaftliche Kooperativen.
Das Wasser ist knapp, es wird aus acht
Metern Tiefe aus der Erde gepumpt.
An den Haltestellen drängeln sofort die
fliegenden Händler, oft Kinder, in den Bus, um Sandwiches, Eis, Süßigkeiten,
Obst oder Getränke zu verkaufen
In Nazca quartiere ich mich in das "Hostal
La Maison Suizze" gegenüber dem Flughafen ein. Es ist noch relativ früh und
so lasse ich mich zu einer Fahrt zum 20 km entfernten Friedhof Chauchilla
überreden. Man kann einige Mumien besichtigen. Sie stammen aus der Zeit um
700 nach Christus und sind noch gut erhalten und konserviert. Überall liegen
ausgebleichte Knochen und Schädel, an einigen ist noch das Haar. Grabräuber
haben die meisten Schädel auf der Suche nach Grabbeilagen beschädigt.
Der Fahrer kennt alle Leute im Ort, winkt
und gestikuliert und will jedem zeigen, dass ein Gringo seine Dienste in
Anspruch nimmt. Sein Neffe Jean begleitet uns.
Abends esse ich eine Kleinigkeit, es
schmeckt aber noch nicht besonders, dafür ist der Durst umso größer. Nach
den hektischen Tagen in der Großstadt genieße ich die Ruhe auf dem Lande.
Nazca, ca. 30.000 Einwohner, wurde durch die
Linien und Figuren der umliegenden Wüste bekannt, die Herkunft ist nicht
hinreichend erforscht, es gibt verschiedene Theorien. Die in Deutschland
geborene Maria Reiche ist die vielleicht kompetenteste Expertin dieses
Sachgebietes, am berühmtesten ist jedoch der Schweizer Schriftsteller Erich
von Däniken, der in den Linien Landebahnen für außerirdische Wesen
vermutet. In seinem Buch "Erinnerungen an die Zukunft" befasst er sich mit
diesem Thema.
Während des Fluges kann man die einzelnen
Figuren gut erkennen. Meistens sind es Tiere, z.B. ein Frosch über 46 m, ein
Affe über 90 m, ein Kondor über 135 m, aber auch gerade Linien und Striche.
Auf der Rückfahrt nach Lima wird mir ein
Platz neben der reizenden Magally zugewiesen. Sie studiert Informatik, wir
unterhalten uns prächtig und die Heimfahrt vergeht wie im Fluge.
Beim Einsteigen raunt mir der Fahrer zu: "Don´t
trust anybody your money".
Kinder kommen in den Bus, tragen ein Gedicht
vor, putzen Schuhe der Reisenden oder verkaufen Süßigkeiten während der
Fahrt. Einige Fahrgäste geben ihnen Reste ihres Essens.
LKW halten im Fluss und die Fahrer
erfrischen sich im Wasser.
Einmal wird unser Bus von der Polizei
angehalten, ich muss als einziger aussteigen und meinen Pass vorzeigen.
Während ich am nächsten Tag im Flughafen auf
den Flug nach Cuzco warte, höre ich über Lautsprecher die Ankunft des
Flugzeugs aus Toronto. Ich rase zum entsprechenden Schalter und kann nach
kurzer Verhandlung überglücklich meinen Rucksack in Empfang nehmen.
Eine Stunde dauert der Flug, es ist ziemlich
neblig. Neben mir im Flugzeug sitzt ein Pfarrer tief ins Gebet versunken.
Das Hotel "Loreto" ist meine nächste Bleibe, ein schönes altes massives und
sicheres Haus, einige Wände sind noch aus der Inka-Zeit. Der Taxifahrer, der
mich hinbringt, hält mitten auf der Strasse an und unterbreitet ein
Tourenangebot. Zur besseren Verständigung hat er sich selbst ein
Phrasenwörterbuch zusammengeschrieben.
Cuzco liegt knapp 3.500 m hoch und man merkt
die Höhe bei jeder Bewegung. Es ist Dreikönigstag und ein Prozessionszug
marschiert durch die Stadt, vorne weg eine Blaskapelle und ich wundere mich,
wo die Musiker die Luft hernehmen.
Die Stadt gefällt mir, es ist kühler und
ruhiger als in Lima, wenngleich es mir nicht möglich ist, eine halbe Minute
ungestört an einem Platz zu sitzen, immer kommt irgendjemand, der
irgendetwas verkaufen oder Geld tauschen will.
Die Inka-Ruine Sacsayhuaman gehört zum
Besichtigungsprogramm, auf dem Rückweg kommt mir eine Indio-Familie mit drei
Lamas entgegen.
In der Kathedrale beeindruckt mich das
Abendmahlsbild. Statt Brot wird ein Meerschweinchen gegessen, Judas ist, wie
makaber, als einziger mit indianischen Gesichtszügen dargestellt.
An einem Tag schließe ich mich einer
organisierten Fahrt ins Urubamba-Tal an. Es geht zunächst zur Qenko-Ruine,
einem Felsen, durch dessen Rinnen früher Wasser oder Opferblut geflossen
ist. Schaf-, Ziegen-, Schweine- und Rinderhirten mit ihren Tieren begegnen
uns, einmal sehe ich einen Jungen auf einem Schwein reiten.
Auf dem Indio-Markt in Pisac erwerbe ich
nach längerem Feilschen und Handeln drei Keramikvasen und Musikpfeifen. Es
herrscht ein buntes Treiben, die Einheimischen tragen farbenfrohe Kleider.
Außer mir sind noch drei Engländer und zwei
Deutsche im Bus, ein Versuch, mit den beiden Deutschen ins Gespräch zu
kommen, schlägt allerdings fehl.
Als nächstes steht Ollantaytambo auf dem
Programm, hier ist u. a. der Inkathron zum Sonnenaufgang zu besichtigen. Die
Indiofrauen auf dem Wochenmarkt haben ihr Kleinkind auf dem Rücken und gehen
ihrer Arbeit nach.
Zum Schluss des Tagesausflugs wird noch in
Chinchero angehalten. Hier besichtigen wir den Inkathron zum
Sonnenuntergang. Auf dem hiesigen Markt wird nicht nur verkauft sondern auch
getauscht.
Abends läuft ein Film mit deutscher
Militärmusik im Fernsehen, der "Regimentsgruß" und "Hoch Heidecksburg"
kommen mir bekannt vor.
Etwa vier Stunden benötigt der tren local
für die 110 km nach Machu Picchu. Hinter der Dampflokomotive ist ein
Pullmanwagen für Gringos angehängt. Es ist eine sehr interessante Fahrt, nur
etwas kalt. Viele Einheimische begleiten uns als Trittbrettfahrer oder
sitzen auf den Waggondächern. Beim Kilometerpunkt 88 steigen vier Touristen
aus, um den Inkatrail zu begehen.
Laut Reiseführer hält der Zug nicht in
Puente Ruinas unterhalb der Ruinen, sondern zwei Kilometer vorher in Aguas
Calientes. Ich steige aus und gehe den restlichen Weg auf den Schienen zu
Fuß. Später erfahre ich, dass die Angabe im Reisehandbuch falsch war.
Machu Picchu ist grandios, die Ruinen liegen
noch ein wenig im Nebel, es herrscht eine geheimnisvolle und gespannte
Stimmung. Zusammen mit einer jungen Frau aus New York, wir hatten uns auf
der Fahrt ins Urubambatal kennengelernt, erkundige ich die Anlage.
Wie viele Fotos hatte ich bei der
Reisevorbereitung oder auch sonst schon von dieser einzigartigen Inkaruine
gesehen, und jetzt stehe ich selber davor und mag den Blick gar nicht
abwenden.
Es ist wenig los, nur einige Touristen
verlieren sich auf dem Areal, ich kann mich gar nicht satt sehen.
Machu Picchu liegt in 2400 m Höhe und
besteht aus der Landwirtschafts- und der Stadtzone. Die Gebäude entstammen
aus der Glanzzeit der Inkas, wahrscheinlich wurden sie im 15. Jahrhundert
errichtet, ihre damalige Bedeutung ist nicht gesichert.
Bingham, der die Ruinen 1911 entdeckte,
meinte, dass die Anlage als Zufluchtsort für Sonnenjungfrauen genutzt wurde.
Am Bahnhof trenne ich mich von der
Amerikanerin. Sie will im nächsten Jahr in Brüssel Management studieren,
ihre Eltern waren während der Hochzeitsreise ebenfalls in Machu Picchu.
Zwischen den Schienen herrscht emsiges
Treiben, aus jedem Verkaufsstand dudelt "El condor pasa". Eine Zeitung
schreibt über die derzeitige Inflationsrate: 24 %.
Im Zug treffe ich auf einige Holländer, sie
haben den Inkatrail gewagt und sind noch ganz begeistert. Mehrere Gesichter
der anderen Touristen kommen mir bekannt vor. Die Heimfahrt dauert fünf
Stunden, kurz vor Cuzco erleben wir wieder die engen Kurven, die der Zug
nicht direkt bewältigen kann. Jede Weiche wird vom Zugbegleiter per Hand
umgestellt.
Zurück in der Stadt bemühe ich mich als
Sammler um Münzgeld. Obgleich ich in einigen Banken nachfrage, ist mir kein
Erfolg beschieden. Bevor ich ins Hotel zurückgehe möchte ich noch das
Stadttor fotografieren. Plötzlich drängen sich drei Indiofrauen an mich und
versperren den Weg. Nach einigen Sekunden geht es weiter, ich greife an die
Gesäßtasche und was merke ich, mein Portemonnaie ist weg. Ich schimpfe und
klage die Frauen an, ernte aber nur gleichgültige Blicke. Etwa 150,- DM
waren in der Geldbörse. Normalerweise habe ich nicht so viel Geld bei mir
und schon gar nicht hinten in der Tasche, aber ich wollte im Laufe des Tages
noch ein Ticket nach Puno erwerben.
Die nächsten Stunden habe ich schlechte
Laune und ärgere mich, nicht nur über den Verlust des Geldes, sondern
vielmehr über meine Naivität.
Abends gehe ich mit drei Frauen aus San Francisco ins Restaurant, zwei Schwestern chinesischer Herkunft und einer
Frau, die einige Monate in Ecuador gelebt hat, um für eine Dissertation zu
recherchieren. Sie erzählen u. a. angeblich wahre Horrorgeschichten über die
gewaltige Kriminalität in Rio de Janeiro, aber es wird trotzdem ein lustiger
Abend, zum Schluss tauschen wir Adressen aus mit dem Versprechen, uns
gegenseitig zu besuchen.
Am nächsten Morgen ist im Bahnhof schon
relativ viel los. Ich setze mich gleich in den Kurswagen nach Puno,
schließlich ist der Titicacasee, der höchste schiffbare See der Welt, mein
nächstes Ziel. Viele Verkäufer, oft Kinder, wandern durch den Zug und
verkaufen Obst, Brot, Torte, Zigaretten, Getränke, Toilettenpapier und
andere Sachen, die auf einer Reise nützlich sein können.
Den mit 4313 m höchsten Punkt der Fahrt
erreichen wir in La Raya, in der Ferne erkennt man schneebedeckte Berge,
viele Lamas grasen auf den Weiden des Altiplano, der von Andenkordilleren
gesäumten Hochebene.
Zwei Engländer sichern ihr Gepäck mit einem
Schloss an der Gepäckablage, später unterhalten wir uns und sie erzählen mir
leicht frustriert, dass auch sie Opfer von Taschendieben wurden. Sie haben
für alle Fälle einen großen Stock, dicker als ein Forkenstiel, dabei.
Während der Fahrt werden viele Waren
feilgeboten, besonders während der Aufenthalte auf den Bahnhöfen kommen
Einheimische in die Abteile und bieten ihre Produkte an. Morgens esse ich
irgendwas Gekochtes aus Maisblättern, später einen warmen Maiskolben und
Brot.
Kinder begeben sich von Wagen zu Wagen und
sagen Sprechgesänge auf, Musikgruppen unterhalten uns mit Folkloremusik,
Bettler gehen durch die Abteile, manchmal werden sie von Kindern geführt.
Manchen singenden oder bettelnden Kindern
wird ein Essen spendiert oder man gibt ihnen Reste der eigenen Mahlzeit.
Die Fahrscheinkontrolle erfolgt im Beisein
eines bewaffneten Polizisten, der die ganze Zeit bis Puno im Zug bleibt.
Einige Male wird die Lok gewechselt.
Mittags herrscht große Aufregung im Zug,
einem Reisenden wurde das Gepäck gestohlen und wir werden wieder ermahnt,
peinlich genau auf unsere Sachen zu achten.
Die letzten Stunden der Fahrt sind
gespenstisch, es ist bereits dunkel und aus Sicherheitsgründen wird im Zug
kein Licht angemacht, der "sendero luminoso", besser bekannt als
Terrorgruppe "Leuchtender Pfad", könnte in der Nähe sein. Bei Juliaca wird
wieder vor vielen Dieben gewarnt und wir werden angewiesen, das Abteil zu
wechseln. Leider kommen die Mitteilungen recht spärlich über und ich muss
immer wieder bei den Mitreisenden nachfragen, um aktuell informiert zu sein.
Nach 13 langen und aufregenden Stunden
erreichen wir gegen 21.oo h die Stadt Puno, ich klemme mein Gepäck unter den
Arm und steuere das nächstbeste Hotel an. Gegenüber vom Bahnhof erhalte ich
im "Ferrocaril" für 5 USD ein Zimmer ohne Bad aber mit Toilette, wenn man
das Loch in der Erde als eine solche bezeichnen kann.
Beim Abendessen im Hotelrestaurant
unterhalte ich mich mit zwei Schweizern. Sie reisen für ein halbes Jahr
durch Südamerika und haben viel zu erzählen.
Puno ist quasi "unter Wasser", die Strassen
und Plätze sind überschwemmt. Auf dem Weg zum Titicacasee komme ich an einem
großen Platz vorbei, der sowohl als Schweinetümpel als auch als öffentliche
Toilette seinen Zweck erfüllt. Eine Frau sitzt mitten auf dem Platz,
vollkommen ungeschützt, und verrichtet ihr Geschäft, schnell gehe ich
weiter.
Zusammen mit vier Spanierinnen nehme ich ein
Boot zu einer der Uros-Inseln. Meine Begleiterinnen arbeiten in Bolivien,
ich mache ein Foto und verspreche, ihnen einen Abzug zuzusenden.
Die Inseln im Titicacasee, etwa 35 an der
Zahl, sind allesamt größtenteils aus Schilf gebaut, auf jeder leben einige
Familien. Es gibt eine Schule, die Bewohner betreiben Fischfang und etwas
Landwirtschaft, sie bauen Kartoffeln und Bohnen an, außerdem verdienen sie
am Verkauf von selbst hergestelltem Kunsthandwerk.
Meines Erachtens sind die Bewohner schon an
größeren Tourismus gewöhnt, sie lassen sich gegen Entgeld fotografieren. Es
heißt, dass viele Einheimische frühzeitig an Rheuma erkranken.
Zurück in Puno, es hat wieder
wolkenbruchartig geregnet, erwerbe ich auf dem Markt nach langem Feilschen
einen Pullover aus Alpacawolle. Abends ist der Strom für längere Zeit weg.
Beim Abendessen in einer vom South-American-Handbook empfohlenen
Hähnchenbraterei haben einige Gäste Mitleid mit den bettelnden Kindern und
geben von ihrem Abendessen etwas ab. Coca Cola scheint in diesem Lokal das
Lieblingsgetränk zu sein.
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