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Marco Polo Reiseführer St. Petersburg - von Eva Gerberding (Autor)

DuMont Reise-Taschenbuch St. Petersburg - von Eva Gerberding (Autor)

St. Petersburg. Polyglott on tour. Mit Cityflip - von Christine Hamel (Autor)
Kasaner-Kathedrale nachts um 1.oo h
Mojka und Erlöserkirche
WC-Bus am Schlossplatz
Blick auf den Winterpalast
Blick auf die Peter-Paul-Festung
Börse
Rostra-Säule
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Hotelsuche
Puschkinhaus
Haseninsel
Peter-Paul-Kathedrale
in der Peter-Paul-Kathedrale
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Sekt und Sushi
St. Petersburg und die Weißen Nächte
Text und Fotos: Horst Wehrse
Im Juni 2010 fliege ich zum 5. Mal in die für mich schönste und
interessanteste Stadt Russlands. Im Hauptbahnhof Hannover ergeben sich
einige Probleme, zum Flughafen zu gelangen. Die S-Bahn ist wegen eines
Suizids auf unbestimmte Zeit gesperrt. Am Infoschalter erkundige ich mich,
ob nicht jemand die Taxifahrt nach Langenhagen mit mir teilen möchte. Und so
ist es dann auch geschehen.
Knapp 2,5 Stunden benötigt die Fokker 50 bis Riga, dann, nach weiteren 50
Minuten, landen wir in St. Petersburg. Es ist schon später Abend, denn zwei
Stunden Zeitunterschied sind zu berücksichtigen. Schnell tausche ich etwas
Geld (1 Euro entspricht rund 38 Rubeln) und eile zum Bus, der in
regelmäßigen Abständen zur Metrostation "Moskovskaja" fährt. Jetzt sind es
nur noch ein paar Minuten zum Nevskij-Prospekt und kurze Zeit später checke
ich im "Hotel at the Hermitage", direkt an der Mojka, ein. In unmittelbarer
Nachbarschaft befinden sich Büros des Otto-Versands und der Immobilienfirma
Engel & Völkers. Es ist, obwohl nach 22.00 Uhr, noch taghell.
Mein letzter Besuch der Stadt ist zwar erst 18 Monate her, aber die
Gastronomieszene am Nevskij-Prospekt hat sich doch schon verändert.
Sushi-Restaurants sind allgegenwärtig und nehmen die besten Plätze an der
"Lebensader" der Stadt ein. Heizkörper sorgen dafür, dass man auch in den
Außenanlagen seinen Fisch essen kann ohne zu frieren. Mir allerdings steht
nicht der Sinn nach dieser japanischen Köstlichkeit, schließlich befinde ich
mich in Russland. So gehe ich ein paar Schritte weiter und setze mich in ein
einheimisches Lokal am Gribojedow-Kanal. Von zwei Bildschirmen kann die
Fußballweltmeisterschaft live erlebt werden. Gegen 23.00 Uhr leuchten die
Türme des Dom Knigi (Haus des Buches) und der Kasaner-Kathedrale in der
Abendsonne als sei früher Nachmittag. Jetzt noch ein paar Gläser
Baltika-Bier und dann ist es Zeit, ins Hotel zurück zu gehen.
Tanja muss arbeiten, deshalb beginne ich meine heutige Stadterkundung
allein. Leider ist es kühl und auch die Sonne kämpft sich nur dann und wann
durch die dicke Wolkenschicht. Zunächst gehe ich zum Schlossplatz,
fotografiere obligatorisch den Winterpalast, die Alexandersäule und das
Generalstabsgebäude, aber auch zum WC umfunktionierte Autobusse, die direkt
am Rand des Platzes den Menschen Linderung zu verschaffen helfen.
An der Admiralität vorbei geht es über die Dvorcovyj-Brücke zur
Wassiljewskij-Insel. Hier war ich 1978 das bisher einzige Mal. Zwar hatte
ich die markanten Bauten bei allen vorigen Besuchen vom anderen Neva-Ufer
gesehen, aber eben nur aus der Ferne. Viele Touristen, vorwiegend Gäste aus
Skandinavien, begutachten die Rostra-Säulen, so werden die beiden
Leuchttürme mit Schiffsschnäbeln genannt, die Börse, das Zoologische Museum
und die Kunstkammer. Auch die Souvenirverkäufer wittern ihr Geschäft und
bieten Mitbringsel aller Art an. Das Gebäude der ehemaligen Börse beherbergt
jetzt das Kriegsmarine-Museum.
Über einen kleinen Steg erreiche ich die Haseninsel mit der
Peter-Paul-Festung. Auch hier mangelt es nicht an interessierten Zuschauern
und Reisegruppen. Im "Bootshaus" erwerbe ich eine Eintrittskarte und
besichtige dann die Peter-Paul-Kathedrale, die, dank des 122,5 m hohen
Turms, auch "goldene Nadel" genannt, weithin sichtbar ist. Nebenan befindet
sich die Gruft, in der 1998 die letzte Zarenfamilie beigesetzt wurde. Das
ehemalige Gefängnis kann ebenfalls besichtigt werden, danach verlasse ich
die Festung durch das Peterstor. Pünktlich um 12.00 Uhr mittags ertönt ein
Glockenspiel mit der Melodie "Ich bete an die Macht der Liebe" vom Turm der
Kathedrale. Am Ufer der Insel ist ein steinerner Hase auf einem Sockel zu
sehen, auf dem Postament daneben liegen einige Geldstücke. Tanja erklärt mir
später, dass man mit dieser Spende das Glück pachten kann.
Auf dem Rückweg überquere ich die Neva auf der Troickij-Brücke. Im Marsfeld
mit der ewigen Flamme lege ich eine kleine Pause ein, um dann für die
Erlöserkirche, auch Heiligblutkirche genannt, gestärkt zu sein. Was ist hier
nur los! Besucher aller Nationen und Hautfarben drängen sich am Eingang, im
Inneren ist fast kein Durchkommen, überall lauschen die Gruppen den
Erklärungen ihrer Reiseführer. Später höre ich, dass Tanja mit ihrer
Busgesellschaft auch hier war. Aber das Gotteshaus, das gern mit der
Basilius-Kathedrale in Moskau verglichen wird, ist auch wirklich interessant
und sehenswert. Wunderschöne Mosaiken sind an den Wänden angebracht und
während der Sowjetzeit wurde die Kirche zum Museum des russischen Mosaiks
erklärt.
Sie wurde an der Stelle gebaut, wo Zar Alexander II einem Attentat zum Opfer
gefallen war, von daher auch die Bezeichnung "Erlöserkirche auf dem Blute".
Gegen Abend holt Tanja mich im Hotel ab und wir gehen gemeinsam zur
Bootsanlegestelle an der Mojka. Auf diesem Schiff werden Kopfhörer mit
Erklärungen in vielen Sprachen, so auch in Deutsch, verteilt. Wir fahren
zunächst den Fluss hinunter, am Schlossplatz vorbei, und haben dann auf der
Neva das schöne Panorama der Wassiljewskij-Insel mit der Kunstkammer und der
Börse vor uns, die Isaak-Kathedrale, das Zarenstandbild am Dekabristenplatz,
jetzt Senatsplatz, und die Admiralität. Etwas später leuchtet uns der Turm
der Peter-Paul-Festung entgegen. Nach kurzer Zeit biegen wir ab auf die
Fontanka, kommen unter anderem am Sommerpalast vorbei, weiterhin an
eindrucksvollen Schlössern und Palästen, bis die Anitschkow-Brücke mit den
bekannten Pferdeskulpturen vor uns auftaucht. Hier drehen wir um und fahren
zum Anleger zurück. Es ist sehr interessant gewesen, auch die Sonne zeigte
sich so dann und wann, aber trotzdem habe ich gefroren wie ein Schneider.
Tanja verbrachte mehr als die Hälfte der Fahrt unter Deck.
Zum Abendessen gehen wir ins Restaurant "Zar" und genießen die russische
Küche. Die Toilette mit der Lederlehne ist mir nachhaltig in Erinnerung.
Beim Nachhausegehen besteht Tanja darauf, mich als Zar verkleidet zu
fotografieren. Zepter und Krone stehen am Ausgang für diese Zwecke zur
Verfügung. Leider müssen wir uns anschließend für heute verabschieden, Tanja
muss am nächsten Tag um 5.30 Uhr aufstehen und zum Hafen fahren, um neue
Gäste für eine Stadtrundfahrt in Empfang zu nehmen. Jetzt, zur Zeit der
Weißen Nächte, ist ganztägiger Stress angesagt.
Ich schlendere noch am Prospekt entlang, trinke hier und da ein Bier,
informiere mich über die aktuellen Ergebnisse bei der Weltmeisterschaft in
Südafrika und mache gegen 1.00 Uhr morgens noch ein Foto von der
Kasaner-Kathedrale – ohne Blitz versteht sich. Ein paar Reiter kommen mir
entgegen. Im Lokal "Möwe", das häufig von deutschen Besuchern angesteuert
wird, steht unverständlicherweise ein HSV-Wimpel.
Immer wenn die Ampeln am Nevskij-Prospekt auf grün schalten, starten alle
Motorradfahrer mit höllischem Lärm, nur auf dem Hinterrad fahrend, und
fühlen sich wahrscheinlich als Darsteller von "Easy Rider". Es wundert mich,
dass die ach so aufmerksame Polizei nicht einschreitet und sie gewähren
lässt.
Dann begebe ich mich zum Ufer der Neva und warte in Höhe des Winterpalastes
auf das Spektakel, das nur in den Sommermonaten stattfindet und das mir
bisher versagt war: Nämlich die Öffnung oder das Hochziehen der Neva-Brücken.
Dieses Schauspiel will ich mir auf dieser Reise auf keinen Fall entgehen
lassen. Einige 100 Menschen warten schon in bester Stimmung, später sind
bestimmt über 1.000 Gäste Zeuge dieses Ereignisses, viele haben eine Flasche
in der Hand. Reisegruppen werden im Bus herangefahren, etliche junge
Menschen, vermutlich Studenten, verkürzen sich die Wartezeit mit einem
Schluck aus der Sektflasche. Die Stimmung ist bestens und das ganze Ufer
scheint in Feierlaune zu sein. Aber auch auf dem Fluss warten Interessenten
auf über 30 Touristenbooten gespannt auf das weitere Geschehen.
Kurz vor 1.30 Uhr wird der Verkehr über die Dvorcovyj-Brücke gestoppt und
dann öffnen sich die beiden Flügel und werden in vollem Lichterglanz,
begleitet von einem großen Jubelgeschrei der Anwesenden, nach oben gezogen.
Yachten und kleinere Boote fahren als erstes an uns vorbei, etwas später
folgen dann die größeren Schiffe, die nur bei geöffneter Brücke die Neva
passieren können.
Am nächsten Tag regnet es und ich freue mich, das Öffnen der Brücke bei
gutem Wetter und wolkenlosem Himmel beobachtet zu haben. Nach dem Frühstück
gehe ich langsam die Mojka entlang zum Jussupow-Palast, vorbei am
Goethe-Institut, der Isaak-Kathedrale und vielen zum Verkauf stehenden
Häusern. Am Eingang kann man gegen Abgabe eines Pfands kostenlos ein
Audiophone in Empfang nehmen und erhält somit genügend Informationen über
das Palais, seine Geschichte und die einzelnen Räume. Besonders beeindruckt
haben mich die große Rotunde, der maurische Saal und das für 180 Gäste
ausgestattete pompöse Theater. Tanja meint, dass Franz Liszt hier einmal ein
Konzert abgebrochen habe, als der Zar sich mit seinem Nachbarn unterhielt,
denn wenn die Obrigkeit spricht, hat das Volk zu schweigen.
Das Haus erlangte große Bekanntheit, weil Rasputin einer Verschwörung zum
Opfer fiel und hier ermordet wurde. Die Szene wird von Wachsfiguren
nachgestellt. Zur Zeit meines Besuches ist dieser Teil des Gebäudes nicht
geöffnet und es hätte auch noch zusätzlich Eintritt gekostet.
Auf dem Programm steht heute nach vielen Jahren wieder der Besuch des
Alexander-Nevskij-Klosters am Ende des Prospekts. Mit der Metro fahre ich
fast bis vor den Eingang und spaziere dann geraume Zeit durch die Anlage. In
der Dreifaltigkeitskathedrale lausche ich einige Momente dem Gottesdienst.
Später mache ich es mir in der Lounge des Hotels "Moskwa", wo ich im
September 1999 gewohnt hatte, bequem. Das Café im 7. Stock ist leider
geschlossen.
Am nächsten Morgen scheint die Sonne und sofort mache ich mich auf den Weg
und fahre bestens gelaunt mit dem Trolleybus 5 zum Smolnyj-Kloster, dass ich
auch bisher nur einmal, nämlich 1978, besichtigt hatte. Die Anlage, in einem
schönen Park gelegen, ist eine Augenweide, der Anblick der Kuppeln unter
blauem Himmel einfach schön, "schön kitschig", aber auch, zumindest in
meiner Empfindung, typisch russisch. Ein Polizist murrt, als ich einmal vom
rechten Weg abkomme.
Den Rest des Tages verbringe ich am Nevskij-Prospekt, statte der Cafeteria
im Dom Knigi einen Besuch ab, trinke hier und da eine Kleinigkeit in einem
der vielen Lokale mit Außenbestuhlung und beobachte in Höhe der
evangelischen Petrikirche das Treiben auf der Straße. Ich habe zwar ein Buch
dabei, aber bei diesem Kommen und Gehen ist mir nicht nach Lesen zumute.
Schließlich genieße ich hier volles Openair-Kino, und das auch noch in der
ersten Reihe.
Abends holt Tanja mich wieder ab und wir beschließen, zum Restaurant im nahe
gelegenen Stroganow-Palast zu gehen, das Essen soll dort sehr gut sein. Aber
leider ist auch hier die Sushi-Kultur eingekehrt. Meine Begleiterin meint,
dass Fürst Stroganow im Kampf einige Finger verloren hat, deshalb wurde das
Fleisch in kleine Stücke geschnitten und ihm verzehrfertig hingestellt.
Allerdings erklärt sie, dass es noch weitere Deutungen des Begriffs „Boef
Stroganow“ gibt.
So begeben wir uns dann stattdessen zum Gribojedow-Kanal und essen im
Restaurant "Sankt Petersburg", ein paar Schritte von der Heiligblutkirche
entfernt. Das Lokal wird überwiegend von Touristen besucht, gefällt mir aber
trotzdem sehr gut. Ein Duo sorgt mit seinen klassischen Standards für die
richtige Atmosphäre. Nach dem leckeren Abendessen werden wir noch mit
Gesangs- und Tanzfolklore unterhalten.
Leider heißt es dann wieder Abschied nehmen. Ein letzter Blick auf die
Kasaner-Kathedrale, auf den lebhaften Nevskij-Prospekt und auf die
Erlöserkirche, die sich im Wasser des Kanals spiegelt.
Mit dem Taxi fahre ich am nächsten Tag rechtzeitig zum Flughafen. Beim
Umsteigen auf dem Airport Riga konfisziert der Zoll eine Flasche Wodka, die
ich im Duty Free-Shop in St. Petersburg gekauft hatte, das Glas mit rotem
Kaviar darf ich behalten.
Ein freundlicher Flugbegleiter informiert uns ständig über das Ergebnis des
WM-Spiels Deutschland-Serbien.
Die S-Bahn zum Hauptbahnhof Hannover ist wieder in Betrieb.
Ob ich St. Petersburg nochmals besuchen werde? Wer weiß …
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