Ein kleines Stück entlang der Seidenstraße
Vor einigen Jahren, es muss etwa 1996 gewesen sein, fragte Wilfried, ob ich nicht Lust hätte, mit ihm zusammen ein Stück der
Seidenstraße zu bereisen. Ich sagte spontan zu.
Wir informierten uns, stöberten in Büchern, kauften und liehen CD-Roms und Videos. An Basisinformationen über die Geschichte
der Seidenstraße mangelt es nicht, wohl aber an Reiseführern bzw. touristischer Literatur - wen wunderts, wurden die Länder doch
erst vor ca. 10 Jahren eigenständig.
Hilfreich waren uns die Reiseführer von Lonely planet "Central Asia", Ausgabe 2000, und "Usbekistan
entdecken" aus dem Trescher-Verlag. Außerdem waren zwei Hefte aus dem Wostok-Verlag recht aufschlussreich. Weitere
Hinweise konnten wir aus dem Internet gewinnen, u. a. bei
"www.derreisefuehrer.com".

Ende 2000 legten wir die Route fest. Da uns nur eine begrenzte Zeit zur Verfügung stand, einigten wir uns auf folgende Orte,
die unbedingt besucht werden sollten: Almaty (früher Alma Ata), Samarkand und Buchara, alles andere war Kür und sollte spontan
überlegt werden.
Dann galt es, einen Flug zu finden und zu buchen. Der Preis von Bremen über London nach Almaty war günstiger als der nach
Taschkent, am 11.09.2001 sollte es losgehen.
Mitte Juli beantragten wir ein Monatsvisum für Usbekistan, danach 2 Transitvisa für Kasachstan, zuletzt ein Transitvisum
für Kirgistan.
Etwa 3 Wochen vor Antritt der Reise rief ich beim Konsulat der Republik Kirgistan an, um mich nach dem Verbleib des
Reisepasses und des Visums zu erkundigen. Damit nahm das Malheur seinen Lauf: Der Pass war zwar, wie man anhand des
Einschreibbeleges feststellen konnte, in Berlin angekommen, jedoch unauffindbar. Es handelte sich um einen nagelneuen Pass,
der auf dem schwarzen Markt sicherlich seinen Wert hat.
Schnell wurde ein Ersatzpass ausgestellt, nach Berlin geschickt, und nach 14 frustrierenden Tagen, 30 Telefonaten und 10
Telefaxen war alles o.k.: Der Pass mit den wichtigen Stempeln lag im Briefkasten, der Spaß konnte beginnen.
Am Morgen des 11. September 2001 stiegen wir gegen 7.00 h in den Flieger von Bremen nach London-Gatwick; gegen Mittag hob
die Boeing 767 ab, um nach gut 6 Stunden in Almaty/Kasachstan zu landen. Hier war wegen der sechsstündigen Zeitverschiebung
schon früher Morgen.
Im Flughafen bei der Gepäckaufnahme treffen wir zwei Norweger; sie beginnen gerade ihre sechsmonatige Reise entlang der
Seidenstraße bis nach China. Das Auschecken verlief relativ normal, Wilfried kam so durch, ich musste nachweisen, dass der
in der Zollerklärung genannte Geldbetrag stimmte.
Draußen stürzten sich etliche Schleuser und Taxifahrer wie die Geier auf uns. Ein besonders hartnäckiger setzte sich
im Café zu uns an den Tisch und geleitete uns auf dem Flughafen, wo derzeit erhebliche Bautätigkeit zu beobachten war, zu einem
Tauschbüro. Es ging ohne Formulare über die Bühne, unser Guide hielt sich hinter Büschen versteckt, beim Nachzählen fehlte der
Gegenwert von rd. 20 Dollar.
Unser rühriger Helfer ließ sich nicht abschütteln und klebte wie eine Klette an uns. Mit dem Bus fuhren wir in die Innenstadt,
gingen zum Hotel Zhetisu und kriegten auch sofort ein Zimmer. Als wir den jungen Mann für seine Hilfe bezahlen wollten, verlangte
er den zehnfachen Preis dessen, was wir ihm geben wollten - wir hatten nichts abgemacht und ihn auch nicht um Hilfe gebeten.
Schließlich steckte er das Geld ein und verließ wütend das Hotel.
Nach kurzer Ruhepause standen wir auf und wollten Transportmöglichkeiten nach Bishkek/Kirgistan in Erfahrung bringen, da
eine Direktbusverbindung von Almaty nach Taschkent/Usbekistan nur über Bishkek zu realisieren war.
Im Reisebüro hörten wir vom grausigen Terroranschlag in New York, der zwei Stunden nach unserem Abheben in London
erfolgt war. Bedrückt gingen wir frühstücken, im Lokal sahen wir dann auf einem Großbildschirm die erschütternden Bilder.
Unsere Familien baten uns, die Reise abzubrechen, vor Ort wurde uns aber mitgeteilt, dass keine direkte Gefahr bestehe und
Putin nach einem Telefonat mit Bush ausdrücklich die Sicherheit der Länder, die wir bereisen wollten, erklärt habe.
Almaty besticht durch breite, mehrspurig angelegte und von Bäumen umsäumte Straßen. Gerade in der Nähe unseres Hotels
parkten auffallend viele Karossen der Marke BMW und Mercedes, an einigen klebte ein D-Schild am Heck. Das frühere Alma Ata
ist eine pulsierende Großstadt, viele im Westen vertraute Firmennamen, egal ob von Banken, der Elektronik-, Getränke- oder
Autoindustrie, leuchten von den Häuserwänden.
Im Park nahe dem Parlament und Präsidentengebäude hat man eine wunderbare Aussicht auf die schneebedeckten Berge. Brautpaare
kommen hierher und lassen sich fotografieren.
Es gibt eine relativ gute Gastronomieszene, einige Abende verbrachten wir im Rock-Cafe, lauschten der Musik aus den sechziger
und siebziger Jahren, fröhliche junge Menschen an den Tischen, es hätte überall auf der Welt sein können.
Morgens klingelt das Telefon, eine Stimme fragt: "You like massage, you want a girl?" Wir sind, auch später, auf
diese Angebote nicht eingegangen.
Das Hotel hatte teilweise noch den Charme der Sowjetära, auf jeder Etage wachte eine Deschurnaja, die Etagenfrau, über unsere
Sicherheit.
Die Verständigung klappte, oder auch nicht. So mussten wir manchmal mit Händen und Füßen argumentieren, Namen, Daten oder
Uhrzeiten aufschreiben oder jemanden bitten, uns doch auf einem Zettel unseren Wunsch auf russisch zu notieren. Etwas Mühe
bereitete uns einmal auf dem Wochenmarkt die Bestellung von zwei Tassen Tee.
Die Preise für Speisen sind recht moderat, das Bier kostet etwa so viel wie in Deutschland.
Von Almaty ging es weiter nach Bishkek, der kirgisischen Hauptstadt. Mit dem Taxi fahren wir zum Busbahnhof, wir mussten
feilschen und haben nicht das erste genommen. Beim Bahnhof stürzte sich ein ganzer Haufen freundlicher Helfer auf uns, leider
auch ein verbiestert dreinschauender verkniffener junger Polizist. Er forderte uns auf ihm zu folgen. Es ging in den Bahnhof,
durch mehrere Räume hindurch in ein kärglich beleuchtetes Hinterzimmer. Hier wartete schon sein Kollege. Nach den üblichen
Fragen, woher und wohin, Zweck der Reise usw., fragte er nach unseren Wertsachen. Wieder mussten wir unsere Zollerklärung
vorlegen und unsere gut verstauten Schätze offenbaren.
Wir gaben vor, kein Englisch zu verstehen. Umständlich nahmen die Herren unsere Sachen in die Hand, umständlich wurden sie
wieder auf den Tisch gelegt, wieder hervorgenommen. Für uns war klar, ohne Bakschisch kommen wir hier nicht raus. Wer verliert
die Nerven? Keiner, nach langen Minuten, vielleicht einer Viertelstunde, durften wir zum Bus - das wäre geschafft!
Es sind gut 400 km bis Bishkek, wir fahren rund 4 1/2 Stunden, nach 4-stündiger Fahrt sind wir an der Grenze.
Wilfried muß auf der kirgisischen Seite kurz aussteigen, kommt aber gleich wieder in den Bus, kein Problem. Der kirgisische
Grenzer erscheint uns freundlicher als seine Kollegen auf der anderen Seite.
Wir haben im Bus, der nur zur Hälfte gefüllt ist, je einen Fensterplatz und können entspannt die Landschaft genießen.
Besonders spannend war es unterwegs nicht, ich fühlte mich durch die endlose Grassteppe und die vielen Schafe an Patagonien
erinnert. Kleine Orte mit blauen Hütten liegen am Weg, ab und an sieht man einen Reiter oder einen Schäfer. Einmal werden wir
von der Miliz angehalten, der Fahrer zückt sein Portemonnaie und schon geht's weiter.
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